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Katharinenfeld

9. August 2026 / Georgien Immobilien

Katharinenfeld in Georgien: Geschichte, deutsches Erbe und heutiges Bolnisi

Katharinenfeld ist der historische deutsche Name des heutigen Bolnisi in der südkaukasischen Republik Georgien. Die von württembergischen Schwaben geprägte Siedlung liegt rund 60 bis 65 Kilometer südwestlich von Tiflis und entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Zentrum des Weinbaus, des Handwerks und des evangelisch-lutherischen Gemeindelebens.

Katharinenfeld ist kein Stadtteil von Tiflis, sondern entspricht im Wesentlichen dem historischen Kern der heutigen eigenständigen Stadt Bolnisi in der Region Kvemo Kartli. Die Geschichte der Siedlung beginnt 1818 mit einem ersten, später aufgegebenen Standort nahe dem heutigen Şəmkir in Aserbaidschan. Am Standort des heutigen Bolnisi wurde Katharinenfeld 1819 neu gegründet.

Die deutsch geprägte Siedlungsgeschichte endete 1941 mit der stalinistischen Zwangsdeportation nahezu der gesamten deutschstämmigen Bevölkerung. Dennoch sind bis heute zahlreiche historische Wohnhäuser, Keller, Wirtschaftsgebäude und Gemeindebauten erhalten.

Katharinenfeld im Überblick

Merkmal Einordnung
Historischer Name Katharinenfeld
Heutiger Name Bolnisi, ältere deutsche Schreibweise: Bolnissi
Georgischer Name ბოლნისი
Lage Region Kvemo Kartli, rund 60 bis 65 Kilometer südwestlich von Tiflis
Erster Gründungsversuch 1818 als Alt-Katharinenfeld bei Schamchor beziehungsweise Şəmkir
Gründung am heutigen Standort 1819
Gründer Auswanderer aus Württemberg, überwiegend schwäbische Pietisten und Separatisten
Namensgeberin Königin Katharina Pawlowna von Württemberg
Späterer Name Luxemburg beziehungsweise Luksemburgi ab 1921
Heutiger Name seit 1943 oder 1944
Historische Wirtschaft Weinbau, Landwirtschaft, Handwerk, Mühlen, Küfereien und Handel
Bedeutendster Einschnitt Zwangsdeportation der Kaukasiendeutschen 1941
Erhaltenes Erbe Deutsches Viertel, Fachwerkhäuser, Weinkeller, ehemalige lutherische Kirche, Pfarrhaus und Gemeindehaus

Die Schreibweisen Katharinenfeld, Katarinenfeld, Jekaterinenfeld, Yekaterinenfeld und Ekaterinenfeld bezeichnen denselben historischen Ort. Katharinenfeld ist die im deutschsprachigen Raum gebräuchlichste Form. Bolnisi ist die heutige offizielle Ortsbezeichnung.

Bei den Jahreszahlen und Familienzahlen bestehen in der historischen Literatur teilweise Unterschiede. 135 Familien erreichten 1818 den ersten Siedlungsplatz von Alt-Katharinenfeld. Nach dem Scheitern dieses Standorts wurden 1819 rund 115 Familien an den heutigen Standort umgesiedelt. Durch Krankheiten, Todesfälle und weitere Belastungen sank die Zahl in den folgenden Jahren auf etwa 95 Familien.

Auch die Umbenennung in Bolnisi wird je nach Quelle auf 1943 oder 1944 datiert. Die präziseste Kurzform lautet daher:

Katharinenfeld wurde 1818 erstmals gegründet, 1819 am heutigen Standort neu aufgebaut und 1943 oder 1944 in Bolnisi umbenannt.

Was war Katharinenfeld?

Katharinenfeld war eine deutsch geprägte Siedlung im damaligen Russischen Reich. Sie gehörte zu einem Netzwerk schwäbischer Ansiedlungen, das seit 1817 in Georgien und im übrigen Südkaukasus entstand.

Zu diesem Netzwerk gehörten unter anderem:

  • Marienfeld, heute Sartichala
  • Elisabethtal, heute Asureti
  • Neu-Tiflis
  • Alexandersdorf
  • Petersdorf
  • Alexandershilf
  • Helenendorf, heute Göygöl
  • Annenfeld, heute Şəmkir

Der historische Begriff „Kolonie“ bezeichnete in diesem Zusammenhang eine administrativ organisierte Ansiedlung von Einwanderern. Er darf nicht ohne Weiteres mit einer überseeischen Kolonie im klassischen Sinne gleichgesetzt werden.

Die Ansiedlung war dennoch Teil der russischen imperialen Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Grenzpolitik. Das Zarenreich wollte wirtschaftlich geschwächte und strategisch wichtige Gebiete durch loyale, landwirtschaftlich erfahrene Siedler stabilisieren und entwickeln.

Katharinenfeld entstand nicht in einem unbewohnten oder kulturell isolierten Raum. Georgier, Armenier, Aserbaidschaner, Russen, Griechen, Juden, Perser und weitere Bevölkerungsgruppen lebten in der Region. Das spätere Stadtbild, die Bauweise, die Landwirtschaft und die Alltagskultur wurden deshalb nicht ausschließlich durch schwäbische Traditionen geprägt.

Vielmehr entstand eine eigenständige deutsch-georgische und südkaukasische Kulturlandschaft.

Katharinenfeld Georgien Infografik

Katharinenfeld Georgien Infografik

Warum wanderten Schwaben nach Georgien aus?

Wirtschaftliche Not nach den Napoleonischen Kriegen

Württemberg befand sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer schweren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise. Kriegsfolgen, hohe Steuern, Abgaben, Missernten und steigende Lebensmittelpreise belasteten besonders Bauern, Handwerker und Angehörige der unteren Bevölkerungsschichten.

Das Jahr 1816 ging als außergewöhnlich kaltes „Jahr ohne Sommer“ in die europäische Geschichte ein. Klimatisch bedingte Ernteausfälle verschärften Hunger, Armut und soziale Unsicherheit.

Für zahlreiche Familien erschien die Auswanderung als Möglichkeit, eine wirtschaftlich tragfähige Existenz aufzubauen und den schwierigen Lebensbedingungen in Württemberg zu entkommen.

Pietismus, Separatismus und religiöse Erwartungen

Ein bedeutender Teil der Auswanderer gehörte pietistischen oder separatistischen Gemeinschaften an. Diese Gruppen standen der staatlich kontrollierten württembergischen Landeskirche kritisch gegenüber und wünschten sich eine unabhängigere religiöse Lebensführung.

Hinzu kamen chiliastische und endzeitliche Vorstellungen. Einige Gläubige erwarteten für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts tiefgreifende religiöse Ereignisse und wollten sich deshalb dem Heiligen Land oder dem Berg Ararat annähern.

Der Kaukasus erschien ihnen als geeignete oder zumindest erreichbare Zielregion.

Nicht jede Familie wanderte jedoch primär aus religiösen Gründen aus. Bei vielen Auswanderern verbanden sich:

  • wirtschaftliche Not
  • familiäre Zukunftsplanung
  • religiöse Überzeugungen
  • Unzufriedenheit mit staatlicher und kirchlicher Kontrolle
  • Hoffnung auf eigenes Land
  • Aussicht auf wirtschaftliche Selbstständigkeit

Privilegien des Russischen Reiches

Die russische Regierung förderte die Einwanderung deutscher Siedler. Abhängig von Zeitraum, Ort und Verwaltungsentscheidung wurden ihnen verschiedene Vergünstigungen zugesagt.

Dazu gehörten unter anderem:

  • Landzuteilungen
  • zeitweise Steuerbefreiungen
  • religiöse Freiheiten
  • lokale Selbstverwaltung
  • eigene Schulen
  • teilweise Befreiung vom Militärdienst
  • Unterstützung bei der Ansiedlung

Diese Privilegien waren ein wesentlicher Anreiz. Sie bedeuteten jedoch nicht, dass das Leben im Kaukasus einfach oder risikolos war. Die Familien mussten lange Reisen, Krankheiten, schlechte Unterkünfte, Versorgungsprobleme und gewaltsame Konflikte überstehen.

Der lange Weg nach Georgien

Die Auswanderung führte zahlreiche Familien zunächst von Ulm aus über die Donau. Die Route verlief unter anderem über:

  • Passau
  • Wien
  • Budapest
  • Novi Sad
  • Orșova
  • Galați
  • Ismail
  • Odessa
  • Cherson
  • Taganrog
  • Rostow
  • Stawropol
  • Mosdok
  • Tiflis

Je nach Route und Aufenthaltsdauer legten die Auswanderer mehrere Tausend Kilometer zurück. Die Reise war organisatorisch aufwendig, gefährlich und konnte viele Monate dauern.

Für die Jahre 1817 bis 1819 wird von insgesamt mehr als 2.600 deutschen Siedlern ausgegangen, die Georgien und den Südkaukasus auf diesen Wegen erreichten.

Gründung von Katharinenfeld: 1818 oder 1819?

Beide Jahreszahlen sind historisch begründet. Sie bezeichnen jedoch zwei unterschiedliche Siedlungsphasen und zwei verschiedene Standorte.

Alt-Katharinenfeld im heutigen Aserbaidschan

Im November 1818 erreichten 135 deutsche Familien ein Gebiet nahe Schamchor, dem heutigen Şəmkir in Aserbaidschan. Die dort gegründete Ansiedlung wurde später als Alt-Katharinenfeld bezeichnet.

Die klimatischen und hygienischen Bedingungen erwiesen sich als katastrophal. Die Familien lebten zunächst in Zelten, Erdhütten und einfachen Unterkünften. Krankheiten breiteten sich aus, während eine ausreichende Versorgung kaum gewährleistet werden konnte.

Nach historischen Berichten starben innerhalb eines Jahres mehrere Hundert Menschen.

Vertreter der Siedler baten die russische Verwaltung deshalb um einen anderen Standort. Alt-Katharinenfeld wurde bereits 1819 wieder aufgegeben.

Neu-Katharinenfeld am heutigen Standort von Bolnisi

Die russische Verwaltung wies den überlebenden Familien ein Gebiet rund 60 Kilometer südwestlich von Tiflis zu. Dort entstand 1819 Neu-Katharinenfeld, das spätere Luxemburg und heutige Bolnisi.

Rund 115 Familien sollen den neuen Standort erreicht haben. Krankheiten, Armut, Todesfälle und schwierige Lebensbedingungen ließen die Zahl der Familien in den folgenden Jahren auf etwa 95 sinken.

Genau daraus erklären sich die unterschiedlichen Angaben von 95 oder 115 Gründerfamilien in späteren Darstellungen.

Die sachlich genaueste Formulierung lautet daher:

Katharinenfeld wurde 1818 erstmals nahe Schamchor gegründet und 1819 am Standort des heutigen Bolnisi neu aufgebaut.

Nach wem wurde Katharinenfeld benannt?

Namensgeberin war Katharina Pawlowna, Großfürstin von Russland, Schwester von Zar Alexander I. und zweite Ehefrau des württembergischen Königs Wilhelm I.

Nach ihrer Heirat wurde sie Königin Katharina von Württemberg.

Katharinenfeld wurde somit nicht nach Zarin Katharina der Großen benannt. Diese häufige Verwechslung beruht auf der Namensgleichheit und auf der Bedeutung Katharinas II. für die ältere russische Einwanderungspolitik.

Der Schreckenstag von Katharinenfeld 1826

Nur wenige Jahre nach der Neugründung erlitt Katharinenfeld eine schwere Katastrophe. Während des Russisch-Persischen Krieges wurde die Siedlung am 26. oder 27. August 1826 überfallen und weitgehend zerstört.

Historische Berichte nennen:

  • mindestens 29 getötete Bewohner
  • 142 verschleppte oder gefangene Menschen
  • zerstörte Häuser und Wirtschaftsgebäude
  • geraubtes Vieh und vernichtete Vorräte
  • zahlreiche geflohene Einwohner

Ein Teil der Bevölkerung rettete sich in die umliegenden Berge, an Flussläufe oder nach Tiflis.

Der Angriff ging als Schreckenstag von Katharinenfeld in das kollektive Gedächtnis der Gemeinde ein. Zur Erinnerung an die Zerstörung und den anschließenden Wiederaufbau wurde später regelmäßig ein Aufbaufest gefeiert.

Die Siedlung wurde trotz der Katastrophe nicht aufgegeben. Die Überlebenden kehrten zurück, errichteten neue Häuser und bauten ihre Landwirtschaft erneut auf.

Dieser Wiederaufbau wurde zu einem zentralen Bestandteil der lokalen Erinnerungskultur.

Katharinenfeld in seiner Blütezeit

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelte sich Katharinenfeld von einer gefährdeten Siedlung zu einem regionalen Wirtschafts-, Bildungs- und Verwaltungszentrum.

Über die genaue Rangfolge unter den deutschen Kaukasussiedlungen gehen die historischen Darstellungen auseinander. Einige bezeichnen Katharinenfeld als größte und wohlhabendste deutsche Siedlung Georgiens. Andere ordnen den Ort als zweitgrößte, aber wirtschaftlich stärkste deutsche Ansiedlung des Kaukasus ein.

Unbestritten ist seine herausgehobene Bedeutung.

Weinbau als wirtschaftliche Grundlage

Der Weinbau entwickelte sich zur wichtigsten Einnahmequelle Katharinenfelds.

Dabei ist eine historische Einordnung entscheidend: Die deutschen Siedler brachten den Weinbau nicht nach Georgien. Die georgische Weintradition reicht mehrere Jahrtausende zurück und gehört zu den ältesten kontinuierlich gepflegten Weinkulturen der Welt.

Die Bewohner Katharinenfelds übernahmen lokale Reben und Erfahrungen aus der georgischen Weinwirtschaft. Sie kultivierten unter anderem Rebsorten wie:

  • Saperavi
  • Tavkveri
  • Shavkapito
  • Rkatsiteli
  • Mtsvane

Später kamen teilweise europäische Rebsorten hinzu.

Während Wein in Georgien traditionell häufig in unterirdisch eingelassenen Qvevri-Tongefäßen vergoren und gelagert wurde, bevorzugten die deutschen Winzer vielfach Holzfässer und mitteleuropäische Kellertechniken.

Dadurch entwickelte sich eine eigenständige Verbindung aus:

  • georgischen Rebsorten
  • kaukasischem Klima und Boden
  • schwäbischer Kellertechnik
  • deutscher Küfertradition
  • regionalem Handelswissen

In Katharinenfeld entstanden private Weingüter, Küfereien, Kelterhäuser und genossenschaftliche Strukturen. Um 1930 sollen rund 1.500 bis 1.565 Hektar mit Reben bewirtschaftet worden sein.

Wein aus Katharinenfeld wurde nicht nur in Georgien, sondern auch in anderen Teilen des Russischen Reiches und später der Sowjetunion verkauft.

Landwirtschaft und Bewässerung

Neben dem Weinbau betrieben die Einwohner:

  • Ackerbau
  • Viehzucht
  • Obstbau
  • Gemüseanbau
  • Getreidewirtschaft
  • Imkerei
  • Gartenbau

Zu den angebauten Erzeugnissen gehörten unter anderem:

  • Weizen
  • Roggen
  • Gerste
  • Hafer
  • Mais
  • Kartoffeln
  • Rüben
  • Kürbisse
  • Kohl
  • Obst
  • Weintrauben

Bewässerungskanäle erschlossen landwirtschaftliche Flächen und versorgten Gärten, Weinberge und Höfe.

Der Fluss Maschawera lieferte Wasser, Fisch und teilweise Baumaterialien. Zahlreiche Wohnhäuser besaßen eigene Brunnen, Stallungen, Backöfen, Keller, Kelterhäuser und Wirtschaftsgebäude.

Mühlen, Handwerk und frühe Elektrifizierung

Katharinenfeld verfügte über mehrere Mühlen. Überliefert sind unter anderem:

  • die Kötzle-Mühle
  • die Wucherer-Mühle
  • die Horlacher-Mühle

Die Wucherer-Mühle wurde in den Jahren 1926 und 1927 teilweise zu einer elektrischen Station umgebaut. Sie trug damit zur Stromversorgung der Siedlung bei.

Zum Wirtschaftsleben gehörten außerdem:

  • Küfereien
  • Brauereien
  • Brennereien
  • Schreinereien
  • Schmieden
  • Bauhandwerksbetriebe
  • Wagenbau
  • Lebensmittelverarbeitung
  • Transportbetriebe

Für die Zeit um 1930 werden rund 20 Handwerksvereinigungen mit mehr als 250 ausgebildeten Handwerkern genannt.

Schule, Ausbildung und Selbstverwaltung

Die Siedler verfügten über eine eigene Gemeindeverwaltung und zeitweise über weitreichende lokale Zuständigkeiten. Bis 1871 bestand eine eigene Gerichtsbarkeit.

Katharinenfeld besaß eine Volksschule und später ein weiterführendes Gymnasium, das auch von Schülern anderer deutscher Siedlungen besucht wurde.

1930 entstand eine zehnjährige Schule mit verschiedenen fachlichen Schwerpunkten, darunter:

  • Landwirtschaft
  • Pädagogik
  • Mechanik
  • handwerkliche Ausbildung

Unter sowjetischer Herrschaft wurde die Eigenständigkeit zunehmend eingeschränkt. 1928 wurde der Religionsunterricht verboten. 1938 löste Russisch das Deutsche als Unterrichtssprache ab.

Religion und lutherische Kirche

Religion prägte das öffentliche und private Leben der Siedlung. Die evangelisch-lutherische Kirche von Katharinenfeld wurde 1854 eingeweiht.

Ihr hoher Glockenturm bestimmte über Jahrzehnte das Ortsbild.

Gottesdienste, kirchliche Feiertage, Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Beerdigungen, Erntedankfeste und gemeinschaftliche Hilfsaktionen strukturierten das Jahr.

Kirche, Pfarrhaus und Schule bildeten das geistige und soziale Zentrum der Gemeinde.

Das Kirchengebäude ist bis heute weitgehend erhalten. Der Glockenturm wurde während der Sowjetzeit entfernt. Das Gebäude wurde anschließend als Turn- und Sporthalle genutzt und erfüllt diese Funktion bis heute.

Kultur, Musik und Sport

Katharinenfeld war keineswegs nur eine landwirtschaftlich geprägte Siedlung.

Zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben gehörten:

  • ein Kino
  • eine Theatergruppe
  • Gesangsvereine
  • ein Musikverein
  • Streich- und Blasorchester
  • ein Lesezirkel
  • ein Vergnügungspark
  • eine Turnhalle
  • mehrere Fußballmannschaften
  • ein Fahrradclub
  • Jagdgesellschaften
  • eine Feuerwehr

Bereits 1898 entstand ein Musikverein. Später kamen weitere Orchester und kulturelle Vereinigungen hinzu.

Diese Einrichtungen zeigen, dass Katharinenfeld über ein für eine ländliche Siedlung bemerkenswert vielfältiges gesellschaftliches Leben verfügte.

Eine multiethnische Stadt

Katharinenfeld blieb trotz seiner deutschen Prägung keine ethnisch abgeschlossene Gemeinschaft.

Für die Zeit um 1930 werden rund 5.500 Einwohner genannt, darunter etwa 3.500 Deutsche. Daneben lebten unter anderem:

  • Georgier
  • Armenier
  • Aserbaidschaner
  • Perser
  • Russen
  • Juden
  • weitere Bevölkerungsgruppen

Diese Zusammensetzung zeigt, dass sich Katharinenfeld bereits vor dem Zweiten Weltkrieg von einem deutschen Dorf zu einer multiethnischen Kleinstadt entwickelt hatte.

Architektur von Katharinenfeld

Das architektonische Erbe gehört zu den sichtbarsten Spuren der deutschen Geschichte Bolnisis.

Die erhaltenen Gebäude sind jedoch keine unveränderten Kopien württembergischer Bauernhäuser. Sie verbinden schwäbische Konstruktionsprinzipien mit georgischen, armenischen und allgemein südkaukasischen Bautechniken.

Fachwerk, Naturstein und Eichenholz

Typische Häuser bestanden aus einem massiven steinernen Unterbau und einer hölzernen Tragstruktur. Häufig wurde Eichenholz verwendet.

Anders als bei vielen mitteleuropäischen Fachwerkhäusern wurden die Zwischenräume nicht ausschließlich mit Lehm und Stroh, sondern vielfach mit Steinmaterial ausgefüllt.

Charakteristisch waren:

  • steile Giebeldächer
  • hohe Dachböden
  • massive Natursteinmauern
  • tiefe Keller und Weinkeller
  • große Hofeinfahrten
  • hölzerne Balkone
  • Veranden
  • umlaufende Galerien
  • Stallungen
  • Kelterhäuser
  • Backöfen
  • große, funktional gegliederte Innenhöfe

Die dicken Mauern boten Schutz vor Sommerhitze und Temperaturschwankungen. Die tiefen Keller ermöglichten die Lagerung von Wein, Lebensmitteln und Vorräten bei vergleichsweise gleichmäßigen Temperaturen.

Schwäbisch-georgische Architektursynthese

Besonders auffällig sind die georgisch geprägten Holzbalkone. Sie wurden mit Fachwerkkonstruktionen, hohen Dächern und europäischen Fassadenelementen verbunden.

Architekturforscher sprechen deshalb von einer schwäbisch-georgischen oder deutsch-georgischen Architektursynthese.

Auch einheimische Handwerker waren am Bau beteiligt. Historische Darstellungen nennen unter anderem:

  • georgische Baumeister
  • armenische Handwerker
  • griechische Bauleute
  • persische Handwerker
  • nordkaukasische Arbeitskräfte

Die Architektur war somit das Ergebnis gemeinsamer Arbeit, gegenseitiger Anpassung und regionaler Materialverfügbarkeit.

Straßen und Ortsplanung

Katharinenfeld besaß gepflasterte Straßen, Gehwege, Wasserkanäle und Bewässerungsanlagen. Zahlreiche Straßen waren von Akazien und Linden gesäumt.

Die Grundstücke waren häufig langgestreckt und verbanden:

  • Wohnhaus
  • Wirtschaftshof
  • Stall
  • Garten
  • Keller
  • Werkstatt
  • landwirtschaftliche Nutzfläche

Der historische Grundriss ist in Teilen noch heute erkennbar.

Das deutsche Viertel konzentriert sich insbesondere auf die Umgebung der ehemaligen lutherischen Kirche sowie auf Abschnitte verschiedener Straßen im heutigen Stadtzentrum von Bolnisi.

Erhaltung des deutschen Architekturerbes

In den Jahren 2015 und 2016 wurde das bauliche Erbe der deutschen Siedlungen Georgiens systematisch untersucht.

Landesweit wurden 23 ehemalige deutsche Siedlungen mit authentischen Bauresten identifiziert. Rund 1.200 Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden erfasst. Für mehr als 400 Objekte entstanden detaillierte Inventarkarten.

Ein Teil dieser Gebäude erhielt den Status eines Kulturdenkmals.

Für Bolnisi nennen Veröffentlichungen je nach Erfassungsstand zwölf oder dreizehn denkmalgeschützte deutsche Häuser. Die Abweichung dürfte auf unterschiedliche Stichtage und Zählweisen zurückgehen.

Sicher ist, dass nur ein Teil des historischen Bestands rechtlich geschützt ist.

2017 wurden in Bolnisi und weiteren ehemaligen deutschen Siedlungen zweisprachige touristische Hinweisschilder aufgestellt. Dadurch sollte das deutsche Kulturerbe besser sichtbar und für Besucher verständlich gemacht werden.

Trotz einzelner Restaurierungen sind zahlreiche Gebäude gefährdet. Zu den wichtigsten Problemen gehören:

  • undichte Dächer
  • Feuchtigkeitsschäden
  • beschädigte Holzkonstruktionen
  • unsachgemäße Umbauten
  • fehlende Instandhaltung
  • unklare Eigentumsverhältnisse
  • begrenzte öffentliche Finanzierung
  • moderne Anbauten ohne Rücksicht auf den historischen Bestand

Das deutsche Viertel ist kein Freilichtmuseum, sondern ein bewohntes Stadtgebiet. Denkmalschutz muss deshalb die Interessen der Bewohner, Eigentümer, Denkmalpfleger und öffentlichen Stellen miteinander verbinden.

Katharinenfeld unter sowjetischer Herrschaft

Umbenennung in Luxemburg

Nach der sowjetischen Eroberung Georgiens 1921 wurde Katharinenfeld in Luxemburg, georgisch Luksemburgi, umbenannt.

Namensgeberin war die deutsche Sozialistin und Revolutionärin Rosa Luxemburg.

Die Umbenennung war Teil der sowjetischen Symbolpolitik. Der deutsche Ortsname verschwand, während ein international bekannter Name aus der kommunistischen Bewegung an seine Stelle trat.

Kollektivierung und Enteignung

In den 1930er-Jahren setzte die Kollektivierung der Landwirtschaft ein. Private landwirtschaftliche Betriebe wurden in Kolchosen überführt.

Eigentümer, die sich widersetzten oder als wohlhabende Bauern eingestuft wurden, mussten mit schwerwiegenden Folgen rechnen:

  • hohen Steuern
  • Enteignung
  • Verlust von Vieh und Geräten
  • politischer Verfolgung
  • Verhaftung
  • Verbannung

Die wirtschaftliche Selbstverwaltung der Siedlung wurde damit weitgehend beendet.

Gleichzeitig gerieten religiöse Einrichtungen, deutschsprachige Bildung und eigenständige kulturelle Organisationen unter zunehmenden staatlichen Druck.

Politische Repression

1931 wurden lutherische Gottesdienste und kirchliche Versammlungen verboten.

Für die Mitte der 1930er-Jahre werden mehrere Hundert verhaftete, verschleppte oder ermordete Einwohner von Luxemburg genannt.

Die Repression richtete sich nicht ausschließlich gegen Deutsche. Sie war Teil der stalinistischen Säuberungen. Die deutschsprachige Minderheit war aufgrund ihrer Herkunft, ihrer internationalen Beziehungen, ihrer Religion und ihrer vergleichsweise eigenständigen Gemeindestrukturen jedoch besonders gefährdet.

Deportation der Kaukasiendeutschen 1941

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 besiegelte das Schicksal der deutschstämmigen Bevölkerung Katharinenfelds.

Die sowjetische Führung betrachtete ethnische Deutsche pauschal als potenzielles Sicherheitsrisiko, unabhängig von ihrer tatsächlichen politischen Haltung oder ihrer familiären Geschichte.

Am 8. Oktober 1941 beschloss das Staatliche Verteidigungskomitee die Deportation der Deutschen aus der Georgischen, Armenischen und Aserbaidschanischen Sowjetrepublik.

Zwischen Mitte Oktober und Mitte November 1941 wurden mehr als 45.000 Kaukasiendeutsche nach Kasachstan, Sibirien und in andere Gebiete Zentralasiens verschleppt.

Für Georgien werden rund 23.500 bis 24.000 Betroffene genannt.

Die Menschen durften nur begrenzt Gepäck mitnehmen. Zurück blieben:

  • Häuser
  • Höfe
  • Möbel
  • Werkzeuge
  • landwirtschaftliche Geräte
  • Bücher
  • Familienunterlagen
  • Weinbestände
  • Vieh
  • persönliche Erinnerungsstücke

Die freigewordenen Gebäude wurden anschließend anderen Bewohnern zugeteilt.

Bestimmte Personen in gemischten Ehen konnten von der Deportation ausgenommen sein. Dadurch blieben einzelne deutschstämmige Familien oder Familienangehörige in Bolnisi.

Die historisch gewachsene deutsche Mehrheitsgemeinde hörte jedoch 1941 faktisch auf zu existieren.

Viele Deportierte mussten unter Bedingungen der sogenannten Arbeitsarmee, in Sondersiedlungen oder in abgelegenen Industrie- und Landwirtschaftsgebieten leben.

Ihr weiteres Schicksal war häufig geprägt von:

  • Zwangsarbeit
  • Hunger
  • Kälte
  • Krankheiten
  • eingeschränkter Bewegungsfreiheit
  • Familienzerreißung
  • jahrzehntelangem Heimatverlust

Von Luxemburg zu Bolnisi

Nach der Deportation verschwand auch der Name Luxemburg.

Offizielle georgische und toponymische Quellen datieren die Umbenennung in Bolnisi auf 1943. Mehrere deutschsprachige kirchliche und wissenschaftliche Darstellungen nennen dagegen 1944.

Für eine quellenkritische Darstellung empfiehlt sich daher die Angabe 1943 oder 1944.

Der Name Bolnisi knüpft an einen älteren georgischen Regional- und Ortsnamen an, der insbesondere durch die frühchristliche Bolnisi-Sioni-Basilika bekannt ist.

Die Abfolge der Namen lautet:

Zeitraum Ortsname
1818 Alt-Katharinenfeld bei Schamchor
1819 bis 1921 Katharinenfeld am heutigen Standort
1921 bis 1943 oder 1944 Luxemburg beziehungsweise Luksemburgi
seit 1943 oder 1944 Bolnisi

Katharinenfeld heute: Was ist in Bolnisi erhalten?

Katharinenfeld existiert heute nicht mehr als amtlicher Ortsname. Sein historischer Kern bildet jedoch einen bedeutenden Teil des Zentrums von Bolnisi.

Dieser Bereich wird heute häufig als deutsches Viertel bezeichnet.

Ehemalige evangelisch-lutherische Kirche

Die 1854 errichtete Kirche befindet sich im historischen Zentrum von Bolnisi. Ihr Glockenturm wurde während der Sowjetzeit abgetragen.

Das erhaltene Kirchenschiff wurde in eine Sporthalle umgewandelt.

Trotz der veränderten Nutzung ist das Gebäude eines der wichtigsten Zeugnisse des früheren Katharinenfeld. Eine vollständige Wiederherstellung als Sakralbau ist bislang nicht erfolgt.

Ehemaliges Pfarrhaus

In unmittelbarer Nähe der Kirche steht das frühere Pfarrhaus.

Teile der Fassade und des Dachgeschosses wurden erneuert. Historische Grundmauern, Kellerbereiche und weitere Bauelemente sind erhalten.

Dorfschulzenhaus und Kulturzentrum

Das frühere Gemeinde- beziehungsweise Dorfschulzenhaus wurde im 20. Jahrhundert zeitweise als Schule genutzt.

2019 erfolgte mit Unterstützung deutscher und georgischer Institutionen eine Restaurierung und Anpassung des Gebäudes.

Es dient heute als Kultur- und Gemeindezentrum. Seit 2022 nutzt auch die evangelisch-lutherische Gemeinde Bolnisi das renovierte historische Haus.

Historische Wohnhäuser

Zu den besonders markanten Gebäuden zählen Häuser, die mit Familiennamen wie folgenden verbunden werden:

  • Walker
  • Schmidt
  • Allmendinger
  • Wegner
  • Zackmann
  • Breuninger
  • Kremer

Sie zeigen unterschiedliche Entwicklungsphasen der Siedlungsarchitektur: von massiven eingeschossigen Wohnhäusern über Fachwerkkonstruktionen bis zu repräsentativen Gebäuden mit Balkonen, Loggien und mehrgeschossigen Wirtschaftsbereichen.

Weinkeller und Wirtschaftsgebäude

In einigen Häusern haben sich tiefe Keller, alte Holzfässer, Werkzeuge und Einrichtungen des historischen Weinbaus erhalten.

Diese Keller zeigen, wie eng Wohnen, Landwirtschaft und Weinproduktion miteinander verbunden waren.

Ein typisches Anwesen konnte gleichzeitig umfassen:

  • Wohnräume
  • Vorratskeller
  • Weinkeller
  • Stallungen
  • Kelterbereich
  • Werkstatt
  • Backofen
  • Garten
  • Hof
  • Lagerflächen

Ehemalige Kötzle-Mühle

Auf den Grundmauern der früheren Kötzle-Mühle wurde im frühen 21. Jahrhundert ein Gebäude in traditioneller Stein- und Holzbauweise restauriert beziehungsweise neu aufgebaut.

Es wird heute gastronomisch und touristisch genutzt und ist ein Beispiel für die moderne Umnutzung historischer Bausubstanz.

Denkmal für die deutschen Siedler

Auf dem Gelände eines ehemaligen deutschen Friedhofs wurde 2001 ein Denkmal für die verstorbenen deutschen Siedler und ihre Nachkommen errichtet.

Es erinnert an:

  • die Gründergenerationen
  • die Entwicklung Katharinenfelds
  • die politischen Repressionen
  • die Deportation
  • den Verlust der Heimat
  • das Ende der historischen Gemeinde

Bolnisi Museum

Das 2020 eröffnete Bolnisi Museum behandelt die Geschichte der gesamten Region Kvemo Kartli.

Die Ausstellung reicht von frühen Homininen und prähistorischer Landwirtschaft über Metallurgie, georgische Schriftkultur und das frühe Christentum bis zur neuzeitlichen deutschen Besiedlung.

Ein eigener Ausstellungsbereich widmet sich den aus Süddeutschland eingewanderten Familien, ihrer Architektur, ihrem Alltagsleben und ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Region.

Das Museum versteht Bolnisi als multikulturellen Raum, in dem über Jahrhunderte verschiedene Bevölkerungsgruppen zusammenlebten.

Dazu gehörten unter anderem:

  • Georgier
  • Armenier
  • Aserbaidschaner
  • Griechen
  • Russen
  • Deutsche

Für Besucher, die Katharinenfeld historisch verstehen möchten, bildet das Museum zusammen mit einem Rundgang durch das deutsche Viertel die sinnvollste Einführung.

Die evangelisch-lutherische Gemeinde in Bolnisi

Nach dem Ende der Sowjetunion entstand erneut eine kleine evangelisch-lutherische Gemeinde.

Zu ihr gehören heute Nachfahren deutscher Siedler sowie Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft.

Die Gemeinde bewahrt Teile der religiösen und kulturellen Tradition Katharinenfelds. Zu ihren Aktivitäten gehören unter anderem:

  • Gottesdienste
  • Kinder- und Jugendarbeit
  • Deutschunterricht
  • kulturelle Veranstaltungen
  • Begegnungsprojekte
  • Erinnerungspflege

Seit 2022 befindet sich ihr Gemeindehaus im renovierten historischen Dorfschulzenhaus.

Die heutige Gemeinde ist jedoch keine unmittelbare Fortsetzung der früheren deutschen Mehrheitsgemeinde in ihrer ursprünglichen Größe. Sie ist vielmehr ein Ort der Erinnerung, des interkulturellen Austauschs und der Wiederbelebung lutherischen Lebens.

Bolnisi Sioni ist nicht die Kirche von Katharinenfeld

Die evangelisch-lutherische Kirche von Katharinenfeld darf nicht mit der Bolnisi-Sioni-Basilika verwechselt werden.

Bolnisi Sioni ist eine georgisch-orthodoxe Basilika aus dem 5. Jahrhundert. Sie wurde nach offizieller Datierung zwischen 478 und 493 errichtet und gehört zu den bedeutendsten frühchristlichen Baudenkmälern Georgiens.

Ihre Inschriften zählen zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen georgischer Schrift auf georgischem Boden.

Die beiden Kirchen stehen für unterschiedliche historische Schichten:

Bauwerk Historische Einordnung
Bolnisi-Sioni-Basilika Frühchristliches georgisches Kulturerbe des 5. Jahrhunderts
Lutherische Kirche Katharinenfeld Deutsches Siedlungserbe des 19. Jahrhunderts

Beide gehören zur Geschichte der heutigen Stadt und Region, dürfen aber weder zeitlich noch konfessionell miteinander gleichgesetzt werden.

Familienforschung und Kirchenbücher aus Katharinenfeld

Für Nachkommen der Kaukasiendeutschen ist Katharinenfeld ein wichtiger genealogischer Bezugspunkt.

Digitalisierte Kirchenbücher und historische Gemeinderegister ermöglichen die Rekonstruktion von Familienlinien, Eheschließungen, Taufen, Todesfällen und Gemeindezugehörigkeiten.

Erhalten beziehungsweise digitalisiert wurden unter anderem:

  • Taufregister von 1827 bis 1835
  • Konfirmandenregister von 1828 bis 1848
  • Eheregister von 1827 bis 1843
  • Totenregister von 1827 bis 1843
  • Totenregister von 1864 bis 1889
  • Personalbuch der evangelisch-lutherischen Gemeinde von 1891 bis 1914

Diese Bestände sind besonders wertvoll, weil viele private Dokumente durch Revolution, politische Repression, Deportation und Krieg verloren gingen.

Bei der Recherche sollten sämtliche Schreibvarianten berücksichtigt werden:

  • Katharinenfeld
  • Katarinenfeld
  • Ekaterinenfeld
  • Jekaterinenfeld
  • Yekaterinenfeld
  • Luxemburg
  • Luksemburgi
  • Bolnisi
  • Bolnissi

Auch die Suche nach Familiennamen, Berufen, Herkunftsorten in Württemberg und verwandten deutschen Kaukasussiedlungen kann wichtige Ergebnisse liefern.

Historische Bedeutung von Katharinenfeld

Katharinenfeld ist aus mehreren Gründen ein herausragender Erinnerungsort.

Ein Ort europäischer Migrationsgeschichte

Die Siedlung steht für eine der weitesten organisierten Auswanderungsbewegungen aus Württemberg im frühen 19. Jahrhundert.

Sie verbindet süddeutsche Regionalgeschichte mit der Geschichte:

  • Georgiens
  • Russlands
  • Aserbaidschans
  • des Südkaukasus
  • der Kaukasiendeutschen
  • der europäischen Migrationsbewegungen

Ein Beispiel kultureller Anpassung

Die Siedler brachten Sprache, Konfession, Handwerkstechniken, landwirtschaftliche Kenntnisse und Bauwissen mit.

Gleichzeitig übernahmen sie:

  • lokale Rebsorten
  • regionale Baumaterialien
  • georgische Balkonkonstruktionen
  • südkaukasische Lebensmittel
  • Bewässerungsmethoden
  • Erfahrungen einheimischer Handwerker
  • georgische und regionale Weinbautraditionen

Das Ergebnis war keine unveränderte deutsche Insel, sondern eine neue südkaukasische Lebensform mit schwäbischen, georgischen und weiteren regionalen Einflüssen.

Ein Zentrum deutsch-georgischer Beziehungsgeschichte

Katharinenfeld zeigt, dass deutsch-georgische Beziehungen nicht erst mit modernen diplomatischen, touristischen oder wirtschaftlichen Kontakten begannen.

Deutsche Auswanderer lebten bereits im frühen 19. Jahrhundert dauerhaft in Georgien und wirkten als:

  • Landwirte
  • Winzer
  • Handwerker
  • Lehrer
  • Unternehmer
  • Geistliche
  • Techniker
  • Händler

Die erhaltenen Häuser von Bolnisi sind sichtbare Zeugnisse dieser langen kulturellen Verbindung.

Ein Erinnerungsort stalinistischer Verfolgung

Die Deportation von 1941 zerstörte eine über 120 Jahre gewachsene Gemeinschaft.

Katharinenfeld steht damit auch für:

  • das Schicksal ethnischer Minderheiten unter Stalin
  • Enteignung
  • politische Verfolgung
  • Zwangsarbeit
  • Deportation
  • Verlust von Heimat
  • jahrzehntelange Entrechtung

Ein gefährdetes Architekturensemble

Das deutsche Viertel von Bolnisi ist eines der umfangreichsten erhaltenen Ensembles deutsch geprägter Architektur im Südkaukasus.

Sein Wert liegt nicht nur in einzelnen Häusern, sondern im Zusammenspiel von:

  • Straßen
  • Höfen
  • Weinkellern
  • Wirtschaftsgebäuden
  • Kirche
  • Pfarrhaus
  • Gemeindehaus
  • ehemaligen Mühlen
  • historischen Grundstücksstrukturen

Chronologie von Katharinenfeld

Jahr Ereignis
1817 Beginn der großen württembergischen Auswanderung nach Transkaukasien
1818 Gründung von Alt-Katharinenfeld nahe Schamchor
1819 Aufgabe des ersten Standorts und Neugründung am heutigen Standort von Bolnisi
ab 1820 Ausbau von Weinbau, Landwirtschaft und Bewässerung
1826 Überfall und weitgehende Zerstörung am Schreckenstag
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts Wirtschaftliche und städtebauliche Blüte
1854 Einweihung der evangelisch-lutherischen Kirche
1898 Gründung eines Musikvereins
frühes 20. Jahrhundert Ausbau von Genossenschaften, Schulen, Handwerk und Weinwirtschaft
1921 Umbenennung von Katharinenfeld in Luxemburg
ab 1930 Kollektivierung der Landwirtschaft
1931 Verbot lutherischer Gottesdienste und Versammlungen
Mitte der 1930er-Jahre Massive Verhaftungen und politische Verfolgung
1941 Zwangsdeportation der deutschstämmigen Bevölkerung
1943 oder 1944 Umbenennung von Luxemburg in Bolnisi
1990er-Jahre Wiederbelebung der Erinnerung an das deutsche Erbe
2001 Errichtung eines Denkmals für die deutschen Siedler
2015 und 2016 Systematische Erfassung des deutschen Architekturerbes
2017 Aufstellung touristischer Hinweisschilder
2019 Restaurierung des historischen Gemeindehauses
2020 Eröffnung des neuen Bolnisi Museums
2022 Einzug der lutherischen Gemeinde in das restaurierte Dorfschulzenhaus

Katharinenfeld besuchen: Hinweise für Reisende

Das historische Katharinenfeld lässt sich heute im Zentrum von Bolnisi erkunden.

Für einen umfassenden Besuch eignen sich insbesondere:

  1. das Bolnisi Museum
  2. das historische deutsche Viertel
  3. die ehemalige lutherische Kirche
  4. das frühere Pfarrhaus
  5. das restaurierte Dorfschulzenhaus
  6. historische Wohnhäuser und Weinkeller
  7. das Denkmal für die deutschen Siedler
  8. die Bolnisi-Sioni-Basilika
  9. Weingüter und Weinbaubetriebe der Region

Da viele historische Häuser weiterhin bewohnt sind, sollten Besucher die Privatsphäre der Bewohner respektieren.

Nicht jedes Gebäude ist öffentlich zugänglich. Innenhöfe, Keller und Wohnräume sollten ausschließlich mit ausdrücklicher Erlaubnis betreten werden.

Katharinenfeld Georgien

Katharinenfeld Georgien

Häufig gestellte Fragen zu Katharinenfeld

Wo liegt Katharinenfeld?

Katharinenfeld liegt im heutigen Georgien. Der historische Ort entspricht dem Zentrum der Stadt Bolnisi in der Region Kvemo Kartli, rund 60 bis 65 Kilometer südwestlich von Tiflis.

Katharinenfeld ist kein Stadtteil der georgischen Hauptstadt.

Wie heißt Katharinenfeld heute?

Katharinenfeld heißt heute Bolnisi.

Zwischen 1921 und 1943 oder 1944 trug der Ort den Namen Luxemburg beziehungsweise Luksemburgi.

Wurde Katharinenfeld 1818 oder 1819 gegründet?

Beide Angaben sind erklärbar.

1818 wurde Alt-Katharinenfeld nahe Schamchor im heutigen Aserbaidschan gegründet. Wegen Krankheiten und schlechter Lebensbedingungen wurde dieser Ort aufgegeben.

1819 entstand Katharinenfeld am Standort des heutigen Bolnisi.

Wer gründete Katharinenfeld?

Katharinenfeld wurde von Auswanderern aus Württemberg gegründet.

Viele von ihnen waren schwäbische Pietisten oder Separatisten. Daneben wanderten Bauern, Handwerker und Familien aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen aus.

Warum heißt der Ort Katharinenfeld?

Die Siedlung wurde nach Königin Katharina Pawlowna von Württemberg benannt.

Sie war eine Schwester des russischen Zaren Alexander I. und Ehefrau des württembergischen Königs Wilhelm I.

Wurde Katharinenfeld nach Katharina der Großen benannt?

Nein.

Namensgeberin war Katharina Pawlowna von Württemberg und nicht die russische Zarin Katharina II., die als Katharina die Große bekannt ist.

Warum wurde Katharinenfeld in Luxemburg umbenannt?

Nach der sowjetischen Machtübernahme in Georgien erhielt der Ort 1921 den Namen Luxemburg.

Die Umbenennung erfolgte zu Ehren der deutschen Sozialistin Rosa Luxemburg.

Was geschah 1941 mit den Deutschen in Katharinenfeld?

Die sowjetische Führung deportierte die deutschstämmige Bevölkerung nach Kasachstan, Sibirien und in andere Teile der Sowjetunion.

Nur bestimmte Personen, insbesondere einzelne Angehörige gemischter Ehen, konnten von der Deportation ausgenommen sein.

Damit endete die deutsche Mehrheitsgemeinde.

Gibt es Katharinenfeld heute noch?

Als amtlicher Ortsname existiert Katharinenfeld nicht mehr.

Das historische deutsche Viertel, mehrere Wohnhäuser, Keller, die ehemalige lutherische Kirche, das Pfarrhaus, das Gemeindehaus und weitere bauliche Spuren sind jedoch in Bolnisi erhalten.

Gibt es in Bolnisi noch Deutsche?

Es gibt nur wenige Nachfahren der früheren deutschen Siedler.

In Bolnisi besteht jedoch wieder eine kleine evangelisch-lutherische Gemeinde, zu der Menschen unterschiedlicher Herkunft gehören.

Kann man das deutsche Viertel besichtigen?

Ja.

Das deutsche Viertel liegt im Zentrum von Bolnisi und kann zu Fuß erkundet werden. Viele Gebäude sind allerdings bewohnt und nicht öffentlich zugänglich.

Besucher sollten Privatsphäre, Grundstücksgrenzen und den teilweise gefährdeten Zustand der Häuser respektieren.

Welche Sehenswürdigkeiten gehören zu Katharinenfeld?

Zu den wichtigsten Orten gehören:

  • die ehemalige lutherische Kirche
  • das Pfarrhaus
  • das restaurierte Dorfschulzenhaus
  • historische Wohnhäuser
  • alte Weinkeller
  • ehemalige Mühlenstandorte
  • das Denkmal für die deutschen Siedler
  • das Bolnisi Museum

Welche Verbindung besteht zwischen Katharinenfeld und Elisabethtal?

Katharinenfeld und Elisabethtal waren zwei unterschiedliche deutsche Siedlungen in Georgien.

Katharinenfeld heißt heute Bolnisi. Elisabethtal heißt heute Asureti.

Beide wurden von württembergischen Auswanderern geprägt und besitzen erhaltene deutsche Architektur.

Welche Verbindung besteht zwischen Katharinenfeld und den Kaukasusschwaben?

Katharinenfeld gehörte zu den wichtigsten Siedlungen der Kaukasusschwaben beziehungsweise Kaukasiendeutschen.

Mit diesen Begriffen werden die aus Württemberg und anderen deutschsprachigen Gebieten stammenden Siedler sowie ihre Nachkommen im Südkaukasus bezeichnet.

War Katharinenfeld eine rein deutsche Stadt?

Nein.

Katharinenfeld war zwar stark deutsch geprägt, entwickelte sich jedoch zu einer multiethnischen Stadt. Neben Deutschen lebten dort unter anderem Georgier, Armenier, Aserbaidschaner, Russen, Juden und Perser.

Welche Rolle spielte der Weinbau in Katharinenfeld?

Der Weinbau war die wichtigste wirtschaftliche Grundlage der Siedlung.

Die deutschen Winzer verwendeten vor allem georgische Rebsorten und verbanden regionale Weinbautraditionen mit mitteleuropäischen Keller-, Fass- und Genossenschaftstechniken.

Kurz zusammengefasst

  • Katharinenfeld ist der historische deutsche Name des heutigen Bolnisi.
  • Der Ort liegt rund 60 bis 65 Kilometer südwestlich von Tiflis.
  • Eine erste Siedlung entstand 1818 im heutigen Aserbaidschan.
  • Katharinenfeld wurde 1819 am Standort des heutigen Bolnisi neu gegründet.
  • Die Gründer stammten überwiegend aus Württemberg.
  • Weinbau, Landwirtschaft und Handwerk bildeten die wirtschaftliche Grundlage.
  • 1826 wurde die Siedlung überfallen und weitgehend zerstört.
  • Ab 1921 hieß der Ort Luxemburg.
  • 1941 wurde die deutschstämmige Bevölkerung deportiert.
  • Seit 1943 oder 1944 trägt der Ort den Namen Bolnisi.
  • Historische Häuser, Keller und Gemeindebauten sind bis heute erhalten.
  • Das deutsche Viertel gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen deutsch-georgischer Geschichte.

Katharinenfeld als Schlüsselort deutsch-georgischer Geschichte

Katharinenfeld ist einer der wichtigsten historischen Orte der Kaukasiendeutschen und ein zentraler Erinnerungsort der deutsch-georgischen Beziehungsgeschichte.

Die Siedlung entstand aus wirtschaftlicher Not, religiösen Hoffnungen und russischer Ansiedlungspolitik. Aus einem von Krankheiten, Versorgungskrisen und Gewalt bedrohten Neuanfang entwickelte sich ein wirtschaftlich bedeutendes, kulturell aktives und zunehmend multiethnisches Gemeinwesen.

Weinbau, Handwerk, Bildung, Selbstverwaltung und lutherisches Gemeindeleben prägten den Ort. Seine Häuser verbanden schwäbische Konstruktionsformen mit georgischen Balkonen, regionalen Materialien und dem Wissen einheimischer Handwerker.

Gerade diese Verbindung macht das architektonische Erbe von Bolnisi einzigartig.

Die stalinistische Repression und die Deportation von 1941 beendeten die historische Gemeinde. Dennoch verschwand Katharinenfeld nicht vollständig.

Straßen, Keller, Kirchenmauern, Familiennamen, Kirchenbücher, Erinnerungen und wiederbelebte Institutionen bewahren seine Geschichte.

Das heutige Bolnisi ist deshalb weder ausschließlich eine ehemalige deutsche Siedlung noch lediglich eine moderne georgische Kleinstadt. Es ist ein vielschichtiger Ort, an dem georgische Frühgeschichte, deutsche Migration, südkaukasischer Kulturkontakt und sowjetische Gewalterfahrung unmittelbar aufeinandertreffen.

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Quellen und weiterführende Literatur

Wissenschaftliche und institutionelle Onlinequellen

Nana Sheitnishvili: Von Katharinenfeld bis Bolnisi – Zur Geschichte einer deutschen Siedlung in Georgien
https://georgica.journals.humanities.tsu.ge/index.php/georgica/article/download/11545/11077/20195

Georgian National Tourism Administration: German District in Bolnisi
https://georgia.travel/german-district-in-bolnisi

Georgian National Tourism Administration: Bolnisi Sioni
https://georgia.travel/bolnisi-sioni

Evangelisches Archiv Baden und Württemberg: Kirchenbücher von Katharinenfeld/Bolnisi in Georgien
https://blog.eabw.de/2023/06/22/kirchenbuecher-von-katharinenfeld-bolnisi-in-georgien/

Evangelisch-Lutherische Kirche in Georgien und dem Südlichen Kaukasus: Gemeinde Bolnisi
https://elkg.info/unsere-gemeinden/bolnisis

Evangelisch-Lutherische Kirche in Georgien und dem Südlichen Kaukasus: Historische Berichte und Dokumentationen
https://www.elkg.info/fileadmin/Medien/Stiftung-pdf/Bruecken/Bruecken27.pdf

Deutsch-Georgisches Archiv: Deutsches architektonisches Erbe in Georgien
https://german-georgian.archive.ge/de/blog/15

Europarat: Touristische Beschilderung historischer deutscher Siedlungen in Georgien
https://pjp-eu.coe.int/en/web/eap-pcf/news-georgia/-/asset_publisher/eyVsKrQqVlvZ/content/new-touristic-signpost-and-road-signs-installed-in-historic-german-settlements

Deutsche Botschaft Tiflis: Deutsche Kultur und Institutionen in Georgien
https://tiflis.diplo.de/ge-de/willkommen/institutionen/1784712-1784712

Georgisches Nationalmuseum: Bolnisi Museum
https://museum.ge/index.php?lang=geo&m=350&museum=245

European Centre for Minority Issues: Deutsche Minderheit und historische Siedlungen in Georgien
https://www.ecmi.de/fileadmin/redakteure/publications/pdf/Working_Paper__103_.pdf

JAMnews: Erhaltung deutscher Häuser in Bolnisi
https://jam-news.net/my-german-house/

Weiterführende Fachliteratur

  • Ernst Allmendinger: Katharinenfeld, ein deutsches Dorf im Kaukasus. Neustadt, 1989.
  • Peter Haigis und Gerd Hummel: Schwäbische Spuren im Kaukasus. Auswandererschicksale. Metzingen, 2002.
  • Andreas Groß: Missionare und Kolonisten. Die Basler und die Hermannsburger Mission in Georgien am Beispiel der Kolonie Katharinenfeld 1818–1870. Hamburg, 1998.